Kapitel 9 von 15: Norwegen

72% der Gesamtreise

Tag 63 von 88

Zwei Fähren hatte ich auf meinem Weg – nicht eine bin ich davon gefahren

4 min Lesezeit

Norwegen 🇳🇴 89.8 km

Etappen-Infobox

Datum: 03.06.2011

Tageskilometer: 89.75 km

Route: Vatnebu → Kragerø

Fahrzeit: 6:21:28

Schnitt: 14.1 km/h

Gesamtstand: 4395.0 km

Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.

Tag 63: Zwei Fähren, keine Fahrt
Tag 63: Zwei Fähren, keine Fahrt

Um 07:00 Uhr aufzustehen, ist eine der größten Herausforderungen für mich. Auch heute gelang es mir wieder nicht. Mein Frühstück nahm ich vor dem B&B auf einer Wiese ein. Ich hatte einen wunderschönen Blick auf den davor liegenden See. Auf der anderen Seite standen einzelne Häuser etwas erhöht direkt am Wasser. Drumherum jede Menge Wald. Ich musste die selben Schotterbuckel wieder zurückfahren, die ich gestern bereits befuhr. Direkt nach dem Frühstück und noch nicht warmgefahren war das eine schöne Anstrengung. Nach den Buckeln war ich warm. Das Wetter lächelte mich mit seinem Sonnenschein an. Der Tag versprach gut zu werden.

Die folgenden 10 km waren landschaftlich sehr schön. Der Weg führte an kleinen Seen vorbei und durch Wald hindurch. In Tvedestrand wurde mir etwas bewusst. Die Stadt war wie leergefegt, und die Geschäfte waren geschlossen. Es war Feiertag, genau wie in Deutschland. Da muss ich meine notwendigen Einkäufe wohl an der Tankstelle durchführen. Für den Notfall habe ich immer Pasta und Tomatenmark im Proviantbeutel. Somit ist das Essen immer gesichert.

Die folgenden 30 km waren optisch ähnlich dem gestrigen Tag. Viele Fjorde, eine Menge Wald, Fels und kleine Städte mit Jachthafen. Sie ließen sich gut fahren. Ich kam gut und schnell voran. Die Aufstiege fuhren sich leicht und kosteten nicht allzu viel Kraft. Immer mal wieder blieb ich stehen und gönnte mir einen Blick über einen der atemberaubenden Fjorde.

Bei Kilometer 40 galt es eine Entscheidung zu treffen. Entweder nach rechts nach Risør und die Fähre nehmen oder nach links und den Fjord umfahren. Von drei Seiten bin ich darauf hingewiesen worden, dass es nicht einfach wäre, mit der Fähre zu fahren. Ich hatte eine Telefonnummer und die Fährzeiten. Ich wusste ebenfalls, dass die Fähre am Wochenende nicht fährt. Am Telefon meldete sich nur eine Mailbox auf Norwegisch. Nach Risør zu fahren würde bedeuten, 15 km extra fahren zu müssen, falls die Fähre nicht fährt, wegen des Feiertages. Aussen herum bedeutet 20 km mehr an Strecke. Während ich so vor mich hin grübelte, sah ich im Augenwinkel ein Radpaar aus der Richtung von Risør kommend, die mir zuwinkten. Eh ich das registrierte, waren sie schon wieder weg und fuhren in Richtung der Umgehung. Das reichte mir als Indiz. Ich ging das Risiko nicht ein und fuhr außen herum.

An der Spitze des Fjordes gab es nahe der E18 eine Raststätte und eine Tankstelle. Ich machte dort ein paar Besorgungen und gönnte mir eine ausgedehnte Mittagspause. Ich war gut in der Zeit und konnte mir das ruhig gewissens erlauben. Der Weg auf der anderen Seite des Fjordes zurück Richtung Meer stellte sich anstrengender dar als der Weg zuvor. Schöne lange Anstiege brachten die Erinnerung an die Bergetappe zurück. Aber auch diese 15 km sollten bald hinter mir liegen. Bei Øysang sah ich das Schild Richtung Fähre. In Øysang wäre ich angekommen, wenn ich mit der Fähre gefahren wäre. Ob die Fähre nun tatsächlich gefahren ist oder nicht, will ich gar nicht wissen. Ich habe eine Entscheidung getroffen und der bin ich gefolgt.

Die folgenden 20 km verliefen nah der Küste. Man konnte diese aber nie wirklich sehen. Das Profil war leicht fordernd, aber gut zu fahren. Viele Radfahrer kamen mir entgegen. Meist Mountainbiker, ein paar Fitnessbiker und wenig Rennradfahrer. Bei Stabbestad am Fähranleger galt es, eine weitere Entscheidung zu treffen. Entweder zu dem 4 km weitergelegenen Campingplatz fahren oder bis um 20:00 Uhr warten und die nächste Fähre nehmen. Das würde dann aber sehr spät werden.

Während ich so rum grübelte, kam ein junger Mann in meine Richtung. Ich fragte ihn, ob er wisse, welcher Plan gelten würde. Der Wochenplan oder der Sonntagsplan. Er wusste es nicht. Er meinte zu mir: “I have a boat,” und er könne mich rüberbringen. Ich dachte nicht lange darüber nach und nahm sofort an. Wir warteten noch auf seine Freundin und ein anderes Mädchen und gingen zu dem kleinen Motorboot. Taschen und Rad verstauten wir auf dem Boot und setzten auch schon zur Überfahrt an.

Auf der viertelstündigen Überfahrt unterhielten wir uns ein wenig. Ich erzählte von meiner Reise. Sie meinte nur: “Oh my God!” Ich erwiderte, dass es jetzt nicht so schlimm wäre. Der junge Mann und seine Freundin sprachen gut Englisch, das junge Mädchen nicht. Auf der anderen Seite angekommen, entluden wir das Boot. Ich bedankte mich herzlichst, und sie wünschten mir noch viel Glück auf meiner Reise.

Vom Hafen Kragerøs waren es nur noch wenige Kilometer zu dem anvisierten Campingplatz. Dieser befindet sich auf einer Halbinsel, die zum Abschluss noch mal ein paar ganz schöne Aufstiege für mich parat hielten. Dieser Platz ist der bislang teuerste mit 250 NOK. Das sind über 30 €. Wenn das so weitergeht, ist nur noch Wildcampen angesagt.

Nacht, Micha

Cliffhanger

Morgen geht es weiter nach Helgeora. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?