Kapitel 1 von 15: Deutschland

6% der Gesamtreise

Tag 5 von 88

Ruhetag in Neuharlingersiel – Der Kampf gegen den Wind wartet

4 min Lesezeit

Deutschland 🇩🇪 Ruhetag Wind/Regentag 0.0 km

Etappen-Infobox

Datum: 5.4.2011

Tageskilometer: 0.00 km

Route: Neuharlingersiel → Neuharlingersiel

Fahrzeit: 0:00:00

Schnitt: 0.0 km/h

Gesamtstand: 392.0 km

Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.

Tag 5: Ruhetag in Neuharlingersiel
Tag 5: Ruhetag in Neuharlingersiel

Heute war es endlich soweit: Ein wohlverdienter Ruhetag. Die Entscheidung, heute nicht in den Sattel zu steigen, war absolut richtig. Der Wind tobte mit bis zu 65 km/h, und meine Beine brauchten dringend eine Pause. Ich dachte mir, bei solchen Bedingungen hätte ich mit maximal 3 km/h über die Deiche schleichen können – und das auch nur, wenn ich Glück gehabt hätte. Kraft für die noch anstehenden 5600 km zu sparen, war definitiv die bessere Wahl.

Der Morgen begann gemütlich, nachdem ich mich nach dem Aufwachen noch einmal umdrehte und mir eine Extra-Stunde Schlaf gönnte. Dieser Luxus fühlte sich wie pure Erholung an. Eine Freundin hatte mir einmal gesagt: „Die ersten vier Tage sind die härtesten, und nach drei Wochen wirst du eins mit deinem Rad.“ Nun, ich war gespannt, wie lange es noch dauern würde, bis dieser Zustand erreicht war.

Wie gewohnt startete ich den Tag mit einem ausgiebigen Frühstück. Selbst auf dem Campingplatz gibt’s bei mir keine halben Sachen: Brötchen, Aufschnitt, Käse und Kaffee – kein Instantzeug, sondern ordentlich aufgebrüht. Dazu hatte ich mir im Camping-Discounter noch Eier besorgt und freute mich auf ein leckeres Rührei. Doch dann die Überraschung: Die Eier waren bereits gekocht. Also nichts mit Rührei heute.

Nach dem Frühstück machte ich mich auf, die kleine Stadt Neuharlingersiel zu erkunden. Der Stadtkern ist nur fünf Minuten vom Campingplatz entfernt und wirklich hübsch. Ein idyllischer kleiner Kutterhafen mit sechs Booten und einem DLRG-Boot, das auf seinen nächsten Einsatz wartete. Ein Stück weiter draußen lag die Fähre nach Spiekeroog. Ich entschied mich, im „Inselblick“ einzukehren und mich ordentlich mit Fisch zu stärken – ganz nach dem Motto: „Wenn schon an der Küste, dann auch richtig essen.“ Bei einem gemütlichen Kaffee plante ich meine nächste Etappe.

Eins war klar: Nicht überall gibt es nach 80 km einen Zeltplatz. Nach etwas Surfen und ein paar Telefonaten fand ich heraus, dass Pensionen hier zwischen 30 und 120 Euro kosten, die meisten aber eher im Bereich von 40 Euro liegen. Ich entschied mich, morgen eine kürzere Strecke zu fahren und einen Zeltplatz anzusteuern. Es war schon praktisch, dass ich mein iPhone und iPad dabei hatte. Ohne diese kleinen Helfer müsste ich viel intensiver vorausplanen. So konnte ich mich treiben lassen und die Zufälle des Lebens genießen.

Am Nachmittag nutzte ich die Zeit, um einen groben Plan für die nächsten Wochen zu machen. Am 21.05.2011 wollte ich den ersten Flieger von deb Shetlandinseln in Schottland nach Bergen in Norwegen nehmen – der Flugbetrieb startet erst an diesem Tag wieder. Das gab mir etwa 45 Tage Zeit. Bei einer geplanten Fahrzeit von 37 Tagen hatte ich acht Reservetage, die ich für Ruhetage einplanen konnte. Perfekt!

Zurück auf dem Campingplatz wusch ich meine Wäsche, als ein anderer Camper neben mir sein Geschirr spülte. „Was gibt’s?“, fragte er mich. „Na, kein gutes Wetter“, antwortete ich. Er murmelte etwas Unverständliches, und ich setzte nach: „Ganz schöner Wind heute.“ Er nickte. „Windstärke 6“, sagte er ernst. „Ja, bis zu 65 km/h“, antwortete ich, doch er blieb bei seiner Zahl: „Nein, Windstärke 6.“ Das war offenbar ein wichtiger Unterschied für ihn. Wir wechselten das Thema. „Ich fahre mit dem Rad um die Nordsee“, sagte ich. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er mich für verrückt hielt. „Wer Gegenwind als Befriedigung braucht“, war seine Antwort. Da wurde mir klar, dass wir uns noch gar nicht über die Richtung unterhalten hatten. Er fragte dann: „Mit dem Mountainbike unterwegs?“ Als ich verneinte, schüttelte er nur den Kopf. „Wie kann man nur ohne Mountainbike bei dem Wind fahren?“

Später unterhielt ich mich noch mit der Campingplatzleiterin, die ebenfalls aus Hamburg stammt und seit November hier arbeitet. Es war nett, jemanden aus der Heimat zu treffen. Sie erzählte mir von den kleinen Eigenheiten der Camper – von selbsternannten „Sheriffs“, die ihre Stellplätze mit Ketten abgrenzen, bis hin zu denen, die jeden Zentimeter als ihr Territorium verteidigen. Es war ein aufschlussreiches Gespräch über das Camperleben.

Morgen heißt es wieder: „Der Wind war hart, aber ich war härter.“ Schalten Sie wieder ein, wenn ich mich erneut den Elementen stelle.

Cliffhanger

Morgen geht es weiter nach Norddeich. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?