Kapitel 9 von 15: Norwegen
66% der Gesamtreise
Tag 58 von 88
Regen ausgesessen und auf dem Weg nach Farsund: Eine Etappe voller Herausforderungen
6 min Lesezeit
Etappen-Infobox
Datum: 29.05.2011
Tageskilometer: 61.32 km
Route: Flekkefjord → Farsund
Fahrzeit: 4:51:30
Schnitt: 12.6 km/h
Gesamtstand: 4058.0 km
Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.
Die Strategie, den Regen auszusitzen, hatte nur scheinbaren Erfolg. Der Morgen war, wie erwartet, verregnet und windig. Ich mühte mich nicht, mich zu beeilen. Ich nutzte die Küche, in der ich den Abend zuvor ein köstliches Mahl zubereitet hatte, um in Ruhe zu frühstücken. Im Sitzen hat man doch ein wenig mehr Bewegungsfreiheit als im Tunnelzelt. Draußen regnete es derweil ununterbrochen. Ich wandte wieder die altbekannte Verzögerungstaktik an, in der Hoffnung, einen trockenen Moment zu erwischen – besser noch das Ende des Regens.
Im Wetterbericht sah es jedoch nicht danach aus, als könnte es heute ein Ende geben. So überlegte ich beim dritten Kaffee hin und her. Ab Ende nächster Woche soll das Thermometer auf bis zu 20 Grad hochklettern. Eine Woche Pause kann ich mir aber nicht erlauben. Ich habe insgesamt noch ca. drei bis vier Reservetage, die möchte ich aber noch nicht nutzen. Man weiß nie, wofür man die noch braucht. Auf solch einer Tour kann einem ja alles passieren. Während ich so hin und her überlegte, ließ der Regen so langsam nach. Ich nutzte dies, machte mich auf zu meinem Zelt und packte. Tatsächlich kam ich dann doch noch los. Es war ein wenig spät mit 14:00 Uhr, dafür regnete es aber nicht.
Die ersten Kilometer musste ich seitlich der Hauptstraße über eine Schotterpiste fahren, die direkt am Hang entlangführte und genauso wie die Hauptstraße nach oben führte. Links fiel eine bewaldete Böschung tief nach unten. Von dem Berg konnte man einen Wasserfall hören, dessen Rauschen durch den Wald verlief. Die steilen Anstiege habe ich mit wegrutschendem Vorderrad mal wieder nicht gepackt, also musste ich schieben. Was nicht minder anstrengend ist.
Als ich da endlich durch war, durfte ich ein wenig Hauptstraße fahren, um dann kurze Zeit später in den Wald abzubiegen. Dort durfte ich wieder den alten norwegischen Hauptweg fahren. Da waren sie wieder, diese laktatproduzierenden Anstiege, bis die Oberschenkel brennen. Und schon war ich wieder auf der Hauptstraße und stand vor einem Tunnel. „Da muss ich doch nicht durch?“ dachte ich mir. Da durfte ich gar nicht durch. Die Tunnel auf der Hauptstraße sind prinzipiell für Radfahrer und Fußgänger gesperrt. Das ist auch mal gut so.
Mein Weg führte an diesem Tunnel vorbei, über einen Überweg und wieder hin zur Hauptstraße. Dabei durfte ich wieder hoch hinaus und wieder herunter, durch den Wald hindurch und an Seen vorbei. Da war auch schon der nächste Tunnel, doch auch den durfte ich glücklicherweise nicht befahren. Ich durchfuhr im Tal ein anschauliches kleines Städtchen und deckte mich dort mit dem Notwendigen fürs Abendessen ein. Diese Dörfer haben ihren Reiz darin, dass sie entweder direkt an einem Fjord oder an einem reißenden Fluss zwischen den Gebirgsformationen in einem Tal liegen. So etwas sieht man ja nicht alle Tage.
Da es bereits sehr spät war und ich nicht wusste, ob ich noch rechtzeitig einen Zeltplatz erreichen würde, entschloss ich mich vorzusorgen. Ich füllte den Wasserbehälter auf einem Friedhof mit Wasser. Den Tipp bekam ich von den Schweizern: Auf Friedhöfen gibt es immer Wasser. Der Wasserbehälter ist ein 2 l großer, zusammenrollbarer Kunststoffbehälter. Äußerst praktisch; einmal gefüllt, komme ich damit abends und morgens gut aus. So war ich vorbereitet, jederzeit und überall mein Zelt aufzuschlagen.
Vorher musste ich aber noch ein paar Kilometer machen. Meinem iPhone nach gibt es eine Brücke, auf der man einen lang ins Landesinnere gezogenen Fjord überqueren konnte. Ich kam von der Seite, da ich die Hauptstraße ja nicht nutzen konnte wegen der Tunnel, und sah die Brücke. Hoch oben ragte sie über den Fjord. Ich sah aber auch, dass das Ende dieser Brücke in einen Tunnel führte. Da war mir klar, dass ich diese Brücke nicht nutzen konnte.
So war ich gefordert, den gesamten Fjord entlang zu fahren, um ihn über die Landseite zu umqueren. Zuvor musste ich aber noch durch zwei Tunnel fahren. Glücklicherweise waren sie nicht lang, und sie waren beleuchtet. 750 m maß der erste. Die Resonanz in diesen Tunneln ist erschreckend. Die Geräusche werden in ihnen verstärkt. Als von hinten ein Lkw ankam, dachte ich, es rollt von hinten eine Lokomotive auf mich zu. Ich war froh, als ich durch war.
Den Rest des Weges Richtung Norden konnte ich flach und mit Wind von hinten schnell befahren. Nach vielen Kilometern durfte ich auf der anderen Seite wieder zurück. Dieser Weg war aber nicht so einfach zu fahren. Es begann zu regnen, der Wind kam von vorne und es ging für mindestens über eine halbe Stunde nur aufwärts. Das strengt schon an. Zuerst konnte man auf der schmalen Straße noch hinunter zum Fjord schauen, später war dies wegen Nebel nicht mehr möglich. Wenn man dann tatsächlich den höchsten Punkt erreicht hat, darf man auch wieder hinunterfahren. Dabei fiel mir mein Wasserbehälter vom Rad. Das war es also mit dem Wasservorrat für das Wildcampen. Der Deckel ist beschädigt und dadurch bekomme ich den Sack nicht mehr geschlossen.
Ich fuhr weiter und erreichte eine Raststätte mit einer Infotafel. Auf dieser waren zwei Campingplätze verzeichnet: einer in Åpta, welches nicht auf einem Weg lag, und einer in Farsund. Laut einem Radhinweisschild ist Farsund nur noch 30 km entfernt. Das sollte ich noch schaffen. Immer wieder ging es hoch und runter. Ich machte ordentlich Höhenmeter. Irgendwie muss ich wegen fehlendem Routenschild die Abbiegung verpasst haben und stand plötzlich in Åpta.
Ich überlegte ganz kurz, den Campingplatz anzusteuern, fuhr dann aber doch weiter. Farsund hat eine bessere Ausgangslage und ist laut Wegweiser nur noch 11 km entfernt. Auf den folgenden 2 km wird gerade die Straße neu gemacht. Ein Schlagloch nach dem anderen und murmelgroße Steine auf dem Weg. Auf ca. 200 m war die Straße übersäht von diesen Steinen. Ich hoffte nur, dass meine Reifen das mitmachen. Als ich endlich wieder auf normalem Belag war, sah ich, dass ich den direkten Weg gar nicht fahren darf, vermutlich wegen eines Tunnels. So musste ich um den Berg herumfahren.
Kann ja nicht so schlimm sein, dachte ich. Sind nur 4 km mehr an Strecke. Ich sollte mich noch umschauen. Der erste Teil war ganz okay, entlang eines riesigen Sees mit Blick auf zwei beachtliche Brocken auf der anderen Seite. Halb herum ging es richtig los. Zum Schluss noch eine richtig schöne Steigung. Ich musste immer mal wieder anhalten und mich kurz erholen. Aber auch diesen Berg habe ich gemeistert. Und dann durfte ich tatsächlich wieder hinunterfahren.
Die Abfahrt ging ganz schön auf die Bremsbeläge. Es wird bald Zeit, dass da neue ran kommen. Unten angekommen stand ein Schild: 5 km nach Farsund in die eine Richtung und 2 km zum Campingplatz in der anderen Richtung. Ich schlug den Weg zum Campingplatz ein. Dort angekommen sprach mich der Busfahrer an. Ob ich ein Zelt hätte, die Rezeption wäre nämlich geschlossen. Er konnte mir auch noch eine Duschmarke geben. Ich solle doch morgen alles regeln. Der Platz hat ein Restaurant und scheinbar auch einen eigenen Bus. Hier stehen übrigens wieder drei Autos mit deutschen Kennzeichen.
Zu essen gab es Pasta mit Basilikumsauce und Champignons, Zwiebeln und Tomaten dabei.
Bis bald, Micha.
Cliffhanger
Morgen geht es weiter nach Mandal. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?