Kapitel 1 von 15: Deutschland

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Tag 6 von 88

Der Wind, der mich fast brach – 50 km Kampf gegen die Elemente

3 min Lesezeit

Deutschland 🇩🇪 Wind/Regentag 50.6 km

Etappen-Infobox

Datum: 6.4.2011

Tageskilometer: 50.58 km

Route: Neuharlingersiel → Norddeich

Fahrzeit: 4:20:14

Schnitt: 11.7 km/h

Gesamtstand: 443.0 km

Wind-Fokus: Heute war der Wind ein dominanter Mitspieler.

Tag 6: Der Wind, der mich fast brach
Tag 6: Der Wind, der mich fast brach

Was einen nicht bricht, macht einen härter. Dieser Spruch sollte heute mein Mantra werden, denn der Wind war erbarmungslos. Doch bevor ich ins Detail gehe, hier die Zahlen für die Statistiker:

Tagesleistung: 50,58 km Durchschnitt: 11,66 km/h Fahrzeit: 4:20:14 h Maximalgeschwindigkeit: 25,73 km/h Gesamtleistung: 443 km

Der Tag begann mit einer skurrilen Einsicht: Das Camperleben ist der Realität von TV-Formaten wie “Die Camper” erschreckend ähnlich. Jogginghosen und Trainingsjacken, vorzugsweise in modischem Grün-Lila, dominieren das Erscheinungsbild. Camper sind schon ein interessantes Völkchen. Nach einem kräftigen Frühstück und einem Abschied von der Campingplatz-Leiterin machte ich mich wieder auf den Weg.

Die erste Station des Tages war Esens, eine kleine Stadt, die auf den ersten Blick wenig spektakulär wirkt. Doch das Stadtwappen verrät mehr: Hier „steppt der Bär“ – wortwörtlich. Überall in der Stadt stehen mannsgroße Bärenstatuen, in allen möglichen Farben und Designs, mit den Namen der ansässigen Geschäfte versehen. Diese Tradition geht auf eine Sage zurück, in der ein Bär die Stadt einst vor Belagerern rettete. Ein interessantes und gleichzeitig amüsantes Detail.

Doch das war nur der Anfang. Kaum hatte ich Esens hinter mir gelassen, ging es endlich wieder in Richtung Deich. Und hier kam die wahre Herausforderung des Tages: Der Wind. Es gibt diese Momente auf einer Reise, in denen man sich fragt, warum man sich so etwas freiwillig antut. Heute war so ein Tag. Als ich am Deich entlang fuhr, wurde ich von der vollen Kraft des Windes getroffen. Die Windloopers – das sind diese windschiefen Bäume, die sich fast demütig in dieselbe Richtung neigen – verrieten mir schon, was mich erwarten würde. Und die zahllosen Windräder verstärkten den Eindruck, dass ich mich mitten im “Friesischen Windkanal” befand.

Der Wind kam direkt von vorn. Es fühlte sich an, als würde ich gegen eine unsichtbare Wand anfahren.Der Wind ist entweder Dein Freund oder Dein Feind. Kommt ganz drauf an in welche Richtung man fährt. 25 km in Richtung Westen, größtenteils mit einer Geschwindigkeit von gerade einmal 8 km/h. Ein paar Mal musste ich sogar absteigen und schieben. Erstaunlicherweise war ich zu Fuß fast genauso schnell wie auf dem Rad.

Nach etwa 10 km entschied ich, meine Tagesetappe in Norddeich zu beenden. Ursprünglich hatte ich weiterfahren wollen, aber der Wind hatte mir jegliche Energie geraubt. Eine Unterkunft musste her. Der Zeltplatz war telefonisch nur zwischen 9 und 12 Uhr erreichbar – diese Information hatte ich völlig verpasst. Also blieb mir die Wahl zwischen einer Jugendherberge oder einer Pension.

Zur Halbzeit, in Neßmersiel, machte ich in einem Café eine Windpause. Der Name des Gebäcks auf der Karte ließ mich schmunzeln: Windbeutel – wie passend! Die Betreiber waren offenbar leidenschaftliche St. Pauli-Fans, und während ich meinen Kaffee genoss, erzählte mir die nette Dame, dass hier sogar im Sommer starker Wind weht.

Nach weiteren Stunden des Kampfes gegen den Wind erreichte ich endlich Norddeich. Die Jugendherberge wollte 42 Euro für die Nacht – ohne Jugendherbergspass – doch die Pension gegenüber bot mir die Nacht für nur 28 Euro an. Das war eine Entscheidung, die ich schnell traf.

Frisch geduscht und in Schale geworfen, ging ich noch einmal zur Strandpromenade. Merkwürdigerweise war es hier am Norddeich plötzlich windstill. Der Sonnenuntergang mit Blick auf das Wattenmeer und Norderney am Horizont war atemberaubend. In diesem Moment wurde mir klar, warum ich diese Strapazen auf mich nehme. Der Anblick war die perfekte Belohnung für den Tag.

Morgen geht es weiter nach Greetsiel – ein Ort, den scheinbar jeder kennt, außer mir. Aber das wird sich morgen ändern.

Bis dann, Micha

Cliffhanger

Morgen geht es weiter nach Dyksterhus. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?