Kapitel 3 von 15: Niederlande
10% der Gesamtreise
Tag 9 von 88
Der Weggefährte – Ein zufälliges Treffen auf der Route
4 min Lesezeit
Etappen-Infobox
Datum: 9.4.2011
Tageskilometer: 59.99 km
Route: Nieuweschans → Uithuizermeeden
Fahrzeit: '5:05:00
Schnitt: 11.8 km/h
Gesamtstand: 658.0 km
Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.
Zufall ist das Eintreten eines Ereignisses, wenn man es am wenigsten erwartet – und genau so begann mein Tag. Als ich am Morgen aufwachte, war ich noch immer allein auf diesem verlassenen Campingplatz, so wie ich es am Abend zuvor verlassen vorgefunden hatte. Kein Mensch weit und breit. Also begann ich meine mittlerweile eingespielte Morgenroutine. Heute war ich sogar etwas schneller als sonst – um 9:20 Uhr war ich abfahrbereit, eine Stunde früher als gestern.
Der erste Teil der Strecke führte mich durch das absolute Nirgendwo. Kilometerweit nichts als Landschaft, kaum Häuser, keine Menschen, und nur alle halbe Stunde mal ein Auto. Das Nirgendwo erstreckte sich über 20 km – und das bei einem Gegenwind, der seinesgleichen sucht. Später erfuhr ich, dass es Windstärke 3 war. Gut zum Surfen oder Kiten, aber zum Radfahren eine echte Herausforderung.
Der erste Lichtblick des Tages war das kleine Dorf Termunten. Auf den ersten Blick unscheinbar, entpuppte sich der Ort als wahres Juwel, mit einem wunderschönen kleinen Hafen. Wäre es nicht noch so früh am Tag gewesen, hätte ich dort meine Mittagspause eingelegt. Doch weiter ging es, und kurz nach dem Ort fiel mir etwas Seltsames auf: Auf dem Deich lagen Grabplatten. Ich konnte es kaum glauben – Grabsteine, mitten auf dem Deich? Nach etwas Recherche erfuhr ich, dass hier früher ein Dorf mit etwa 200 Einwohnern stand. Das Dorf wurde abgetragen und woanders wieder aufgebaut, aber die Gräber ließ man zurück. Sie wurden nur etwas höher gelegt.
Weiter ging es nach Delfzijl, einer Stadt, die von Industrieanlagen geprägt ist. In der Region gibt es bedeutende Erdgasvorkommen, die hier verarbeitet werden. Für mich bedeutete das, dass ich eine gefühlte Ewigkeit durch eine Industriebrache fahren musste, umgeben von hohen Türmen, Rohren und Anlagen. Nicht gerade idyllisch, aber auch das gehört zur Route.
In Delfzijl hoffte ich, endlich Mittag machen zu können. Doch als ich am Deich ankam, stellte ich fest, dass es weit und breit keine Möglichkeit zum Essen gab. Der Gegenwind machte das Ganze nicht besser, und mein Magen knurrte zunehmend. Natürlich hätte ich etwas aus meiner Provianttasche essen können, aber an diesen Snack heranzukommen hätte eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Also hieß es: weiterfahren.
Der nächste Ort war Bierum. Kein Essen, aber ein Zoo – oder besser gesagt, ein kleines umzäuntes Areal mit ein paar Tieren. Ein Hirsch mit einem abgebrochenen Geweihast, ein paar Rehe, Hühner und Enten – es war schön anzusehen, aber mein Hunger wurde dadurch nicht gestillt.
Weiter ging es nach Spijk, doch auch hier fand sich keine Essensmöglichkeit. An diesem Punkt musste ich mich entscheiden: Entweder der LF10-Route folgen oder meiner eigenen Karte. Ich entschied mich für die LF10, fuhr los, und als ich mich kurz umdrehte, sah ich einen anderen Radfahrer in weiter Ferne – schwer bepackt, so wie ich. Wo er wohl hin wollte? Ich fuhr durch einen Tunnel, hielt am anderen Ende und entschied mich, umzukehren. Der Radfahrer stand genau an der Stelle, an der ich vorher stand, und stellte sich offenbar dieselbe Frage wie ich zuvor.
Ich sprach ihn an – und stellte fest, dass er ebenfalls aus Hamburg kam und auch die Nordsee umrundete. Was für ein Zufall! Sein Name war Erik, und er war auf derselben Route unterwegs, allerdings etwas verkürzt, da er nur 2 ½ Monate Zeit hatte. Wir beschlossen, erst mal zusammen weiterzufahren und zu sehen, wie weit uns das gemeinsame Abenteuer bringen würde.
Heute bin ich nicht der einzige Zelter auf dem Campingplatz. Der Platz ist wunderschön und gepflegt, fast familiär, und keine Camper weit und breit – bis auf Erik und mich. Am Abend gingen wir zusammen einkaufen und ließen den Tag bei einem Happen Essen und einem langen Gespräch ausklingen. Morgen melden wir uns von der niederländischen Küste.
Gute Nacht, Micha
Cliffhanger
Morgen geht es weiter nach Holwerd. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?