Kapitel 9 von 15: Norwegen
65% der Gesamtreise
Tag 57 von 88
Sehr anstrengend, aber sehr schön: Eine Etappe durch Norwegen
5 min Lesezeit
Etappen-Infobox
Datum: 28.05.2011
Tageskilometer: 82.24 km
Route: Egersund → Flekkefjord
Fahrzeit: 6:55:33
Schnitt: 12.4 km/h
Gesamtstand: 3997.0 km
Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.
Die Nacht und der Morgen waren genauso verregnet wie am Tag zuvor. Aber auch heute stellte der Regen seine Arbeit ein, als ich den Tag begann. Das man die Leute mit einem Bus auf dem Campingplatz karrt, sieht man, glaube ich, nur in Norwegen. In Egersund fand das Blues Festival statt, und auf dem Campingplatz konnte man Hütten mieten.
Ich brach heute, wie gestern, pünktlich um 09:00 Uhr auf. Ein Großteil der Tagesetappe sollte mich über die 44 führen, eine Hauptstraße, die aber nicht sehr stark befahren war. Kurz hinter Egersund gab es gleich das erste optische Leckerbissen. Über eine gewisse Höhe hatte man einen guten Blick über den runden Fjord mit einem kleinen Zugang zur Nordsee. Der erste Teil der Strecke war gut zu fahren, noch nicht so bergig wie es später werden sollte. Der Himmel klarte sich auf, zum Teil kam auch die Sonne heraus.
Das Wetter in diesem Teil Norwegens ist sehr unbeständig. Den einen Moment regnet es, und den anderen scheint die Sonne. Alle 50 km kann sich das Wetter komplett ändern. Und selbst die Wettervorhersage kann das Wetter nicht für einen Tag korrekt bestimmen. Durch den blauen Himmel grenzten sich die Berge sehr gut ab und bekamen dadurch eine panoramaartige Erscheinung.
Kurz vor Hauge verließ ich die 44 und fuhr durch einen Wald, der wieder Schotter als Untergrund hatte. Aus dem Wald heraus eröffnete sich für mich ein Bild unvergleichlicher Schönheit: Hohe Bergketten aus Granitfelsen und in den Schluchten kleine Seen. Immer wieder wechselte ein Berg nach dem anderen bei der Durchfahrt, die sowohl nach oben als auch nach unten führte.
Nah der Nordsee durchquerte ich kleine Fischerdörfer, die nie direkt an der Nordsee errichtet wurden, sondern immer im Schutz eines Fjordes oder einer Bucht. So führte mich dieser reizende Weg bis nach Sogndalstrand, einer sehr schönen kleinen Künstlerstadt direkt am Wasser.
Routentechnisch war es jedoch eine Sackgasse, also musste ich wieder bis zur 44 zurückfahren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Berge nur ein kleiner Vorgeschmack. Ab hier ging es richtig los. Der erste Anstieg hatte mich über eine halbe Stunde beschäftigt. Glücklicherweise hatte ich kurz vorher die volle Montur mit Halstuch und Mütze angezogen, da der Himmel wieder zuzog und es frisch wurde.
Völlig verschwitzt unter allmählich wieder blauem Himmel zog ich die Sachen sowie die Jacke wieder aus. Nach dem ersten Teil der Abfahrt hielt ich an einem Rastplatz. Von dort hatte man eine grandiose Aussicht über das Tal und den dortigen Fjord. Es mögen um die 200 m gewesen sein, die es steil abging.
Ich unterhielt mich dort mit ein paar Norwegern, die mich noch vor dem Tunnel warnten, dessen Einfahrt ich bereits sehen konnte. „Stocken Dunkel“ soll er sein. Ebenso meinten sie, dass heute sehr viele Deutsche unterwegs wären. Ich hatte auch bereits viele deutsche Campingwagen gesehen. Vielleicht hängt das mit dem Urlaubszeitraum zusammen?
Nach dieser unglaublichen Aussicht fuhr ich in den Tunnel hinein. Das Licht meines Rades konnte in diesem Tunnel gar nichts erhellen. Weil mir das ein ungutes Gefühl gab, blind bergab im Tunnel zu fahren, blieb ich stehen. Das machte die Sache nicht besser; jetzt konnte ich überhaupt nichts mehr sehen.
So fuhr ich so langsam wie möglich in den Tunnel hinein und sah kurze Zeit später in einem Rechtsknick die Ausfahrt. Danach ging es in einer rasanten Abfahrt hinunter, fast nach ganz unten. So lange hinauf gearbeitet und so schnell wieder unten. Die Abfahrt ging nur bremsend, wegen der serpentinartigen Abfahrt.
Dieser erste Berg war aber nur zum Aufwärmen; der richtige sollte noch kommen, und er ließ auch nicht lange auf sich warten. Direkt nach der Abfahrt ging es auch schon los mit dem nächsten Aufstieg. Dieser Aufstieg wollte gar nicht mehr enden. Weit über eine halbe Stunde dauerte es, bis ich endlich die Spitze erreichte. Dort oben stand ein Radschild mit der Angabe 275 m. Für sich alleine nicht die große Höhe, aber mit dem ganzen Gepäck und der Vorbelastung doch ein Gewaltakt.
Herunter ging die Abfahrt wieder in gewohnter schlängelnder Form. Unten in Åna Sira machte ich erst einmal eine Pause und stärkte mich. Der Plan war, bis ins 30 km entfernte Flekkefjord zu fahren und dort den nächstmöglichen Zeltplatz anzusteuern. Die folgenden 30 km hatten es aber auch noch in sich. Immer wieder gewann ich an Höhe, indem ich die Straße hinauf strampelte. Selbst die kleinen Anstiege wurden immer anstrengender. Aber auch diese ließ ich hinter mir.
Schließlich, in Flekkefjord angekommen, deckte ich mich erst einmal mit allem Nötigen für Abendbrot und Frühstück ein. Tomaten, Pilze, Paprika. Spaghetti und Pesto hatte ich noch. Das gab ein Festmahl. Nach meiner Campingkarte hatte ich mindestens noch 15 km oder mehr bis zum nächsten Campingplatz zu fahren. So fuhr ich erst einmal und hoffte, dass noch ein nicht eingezeichneter meinen Weg kreuzt.
Direkt aus Flekkefjord heraus verlief der Weg abseits der Hauptstraße auf einer Schotterpiste mit losen Kieseln. Sehr schlecht zu fahren und mit den vorbelasteten Beinen auch nicht einfach. Wieder von der Schotterpiste herunter verlor ich meinen Weg. Ich kam mit jemandem ins Gespräch, von dem sich herausstellte, dass er Deutscher ist, der seit 2007 hier lebt und arbeitet.
Wir unterhielten uns ein wenig. Er gab mir den entscheidenden Hinweis, wie ich wieder auf meine Radstrecke komme, und dass auf der anderen Seite des Sees ein Campingplatz ist. Da war ich sehr froh. Ein außergewöhnlich gut gelegener Platz. Auf der einen Seite eine Felswand und auf der anderen Seite ein großer See.
Einen wunderschönen Blick habe ich von hier und freue mich dabei. Zum Kochen nutze ich die Küche. Ebenfalls zum Schreiben des Berichts. Da ich den Schlüssel für die Küche bekommen habe, kann ich sogar meine Geräte hier aufladen. Die nächsten beiden Tage stehen im Zeichen der Berge. Das wird hart.
Bis bald, Micha.
Cliffhanger
Morgen geht es weiter nach Farsund. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?