Kapitel 5 von 15: England
33% der Gesamtreise
Tag 29 von 88
Von verlassener Promenade bis zur Müllhalde – Ein Tag durch Englands Schattenseiten
4 min Lesezeit
Etappen-Infobox
Datum: 29.4.2011
Tageskilometer: 92.82 km
Route: Middlesbrough → Sunderland
Fahrzeit: 7:06:46
Schnitt: 13.1 km/h
Gesamtstand: 2032.0 km
Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.
Der Tag begann mit einem klassischen Englischen Frühstück – ohne Sausages, denn die mag ich nicht. So kann man den Tag gut starten. Die Route war schnell gefunden, sie befand sich nur eine Straße weiter. Morgens, wenn man ausgeruht ist, macht die Stadt einen ganz anderen Eindruck als am Abend, wenn man erschöpft von der Tagesetappe ist. Ähnlich wie in Norwich genoss ich die morgendliche Fahrt durch Middlesbrough. Wiedererwartend war in der Stadt kaum etwas los – alle Geschäfte waren geschlossen, und es waren fast keine Menschen zu sehen. Grund dafür war ein arbeitsfreier Tag, und die Bewohner von Middlesbrough schienen lieber vor dem Fernseher zu sitzen, als draußen unterwegs zu sein. Es war allerdings auch noch vor 11:00 Uhr.
In diesem Teil Englands scheint es völlig normal zu sein, Pferde auf uneingezäunten Wiesen anzuleinen. So auch hier in Middlesbrough. Ich folgte dem Iron Way entlang des Flusses Tees, bis ich ein kleines Sperrwerk erreichte, über das ich den Fluss überqueren konnte. Es dauerte eine Weile, bis ich aus dem städtischen Gebiet heraus und in die englische Landschaft eintauchte. Die Route führte an Stockton-on-Tees vorbei und durch Billingham hindurch, aber auch dort war von dem Feiertag nicht viel zu spüren. Interessanterweise fiel mir auf, dass dieser Teil Englands extrem viele Spielhallen und Wettbüros hat – ein Zeichen für eine schlechte Wirtschaftslage oder schlichtweg Langeweile?
Der Weg führte am Dinosaurierpark des Cowpen Bewley Woodland Country Park vorbei und schließlich zurück in bewohntes Gebiet. Über Greatham kam ich nach Seaton Carew und erreichte wieder die Küste. Diese verlief direkt in das größere Hartlepool. Der Teil von Hartlepool, durch den ich fuhr, gefiel mir überhaupt nicht – heruntergekommene Promenaden und viele leer stehende Geschäfte. Ich war froh, als ich Hartlepool endlich hinter mir ließ.
Doch kaum war ich draußen, verlor ich wieder einmal die Route. Zuerst fuhr ich einen Kilometer in die falsche Richtung, nur um am Ende festzustellen, dass es eine Sackgasse war. Dann ging es einen Kilometer zurück und in die andere Richtung, was sich ebenfalls als falsch herausstellte. Schließlich fand ich meinen Weg von einer Brücke aus – tief unter mir konnte ich den Pfad sehen. Doch wie sollte ich dorthin gelangen? Also den ganzen Weg zurück, bis ich schließlich die richtige, nicht ausgeschilderte Abzweigung fand.
Ab diesem Punkt war Schluss mit Stadt. Ich hatte wieder einen Pfad, der eine ehemalige Eisenbahnstrecke war, und solche Strecken versprechen meist eine angenehme Fahrt. Der Untergrund war jedoch schwierig – Schotter, Waldwege und Geröll verlangsamten mein Tempo erheblich. Optimalerweise kann ich auf solchen Strecken 20 km/h fahren, doch auf diesem Weg waren teilweise nur 10 km/h drin. Wenn es bergauf geht, wird es noch langsamer.
Ich fuhr weiter durch Seaham, aber dieser Ort hinterließ bei mir einen noch schlechteren Eindruck. Der Weg führte durch eine regelrechte Müllhalde: Sofas, Badewannen und jede Menge Unrat lagen entlang des Weges. Seaham selbst war auch nicht besonders sauber, und ich war froh, als ich endlich wieder draußen war.
Der nächste Abschnitt Richtung Sunderland führte größtenteils durch angenehm ruhige Spazierwege fernab der Straßen. In Sunderland angekommen, durchquerte ich eine riesige Parkanlage, die mindestens eine Stunde Fahrt in Anspruch nahm. Sportanlagen, ein Anglerteich und eine Sommer-Skiabfahrt prägten das Bild. Im Stadtzentrum angekommen, setzte ich mich erst einmal auf eine Bank und suchte mittels iPhone nach einer Unterkunft.
Da heute in England Hochzeitstag war, stellte sich die Suche nach einer Bleibe etwas schwieriger dar. Doch zum Glück fand ich noch etwas auf meiner Strecke. Der Hochzeitstag schien auf meiner Route allerdings keinerlei Auswirkungen zu haben – in den Pubs konnte man zwar später noch Partys sehen, aber unterwegs merkte man kaum etwas davon.
Abgehalten vom Feiern haben mich letztlich meine Müdigkeit und die Tatsache, dass am nächsten Morgen um 7:00 Uhr der Wecker klingeln und wieder 80 km auf mich warten würden. Wo ich morgen Abend sein werde, weiß ich jetzt noch gar nicht.
Night Micha
Cliffhanger
Morgen geht es weiter nach Amble. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?