Kapitel 5 von 15: England
22% der Gesamtreise
Tag 19 von 88
Auf alten Wegen durch Englands Landschaft – Von Norwich bis zur Nordsee
3 min Lesezeit
Etappen-Infobox
Datum: 19.4.2011
Tageskilometer: 91.69 km
Route: Norwich → Burnham Deepdale
Fahrzeit: 5:59:09
Schnitt: 15.3 km/h
Gesamtstand: 1351.0 km
Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.
Nach der gestrigen Fahrt durch das geschäftige Norwich war ich heute froh, dass die Straßen deutlich leerer waren. Es ist erstaunlich, wie ruhig und entspannt eine Stadt wirken kann, wenn der Verkehr nachlässt. Die Route führte mich erneut kreuz und quer durch Norwich, vorbei an zahllosen Kirchen – beeindruckende Bauwerke, die sich nahtlos in das Stadtbild einfügen und der Stadt ein ehrwürdiges Flair verleihen.
Von Norwich aus führte mich meine Reise auf den Marriots Way, einen 26 Meilen langen Weg, der ursprünglich eine Eisenbahnlinie war. Heute ist nichts mehr von den Gleisen zu sehen, außer ein paar nostalgischen Schienenstücken, die zu Sitzbänken umfunktioniert wurden. Es ist ein idyllischer Pfad, der von Bäumen gesäumt ist und etwas von einem Wanderweg entlang der Alster in Hamburg hat – nur eben ohne den Fluss.
Der Marriots Way war so schön und ruhig, dass ich ihn den ganzen Tag hätte fahren können. Es fühlte sich an, als würde man durch ein grünes Tunnelnetz radeln, abgeschirmt vom Rest der Welt. Irgendwann tauchte ein Schild auf, das verkündete, ich hätte den höchsten Punkt des Weges erreicht. Lustig, denn ich hatte gar nicht bemerkt, dass es bergauf ging – ein Zeichen, dass das Training langsam Früchte trägt.
Auf dem Weg begegneten mir einige Tagesausflügler, darunter ein sympathisches Pärchen, mit dem ich mich kurz unterhielt. Doch wie alle schönen Dinge, hatte auch dieser Pfad ein Ende. Als ich wieder auf die Landstraße kam, war die Landschaft dennoch abwechslungsreich genug, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Es rollte gut, das Wetter spielte mit, und ich fühlte mich rundum wohl.
Meine nächste größere Pause legte ich in Fakenham ein, wo ich bei einer Tasse Kaffee zwei ältere Damen traf. Wir kamen ins Gespräch, und sie hörten gespannt meiner Geschichte zu. Als ich erzählte, dass ich plane, den Tag in Burnham Deepdale enden zu lassen, gab mir eine der beiden einen Tipp: „Schau im Pub ‚The Jolly Sailor‘ vorbei und frag nach John Turner. Das Essen und das Bier sind dort hervorragend!“
Mit einem sicheren Schlafplatz im Blick – ich hatte vorher beim Campingplatz angerufen und gefragt, ob sie noch Platz für mein Zelt hätten – fuhr ich die letzten Kilometer entspannt weiter. Wenn man weiß, wo man die Nacht verbringt, fährt es sich deutlich entspannter. Ungewissheit darüber, ob man noch rechtzeitig eine Unterkunft findet, kann einem schnell die Freude am Fahren nehmen.
Die letzten 20 Kilometer zogen sich etwas in die Länge, doch als ich endlich in Deepdale ankam, war ich froh, am Ziel zu sein. Nach fast sechs Stunden auf dem Rad und fast 92 Kilometern hatte ich es geschafft. Die Luft wurde gegen Abend wieder kühler, und ich war froh, mein Zelt rasch aufgestellt zu haben – eine Routine, die ich immer sofort nach der Ankunft erledige. Später hat man dafür keine Energie mehr.
Hungrig machte ich mich auf die Suche nach „The Jolly Sailor“. Dort bestellte ich mein Essen am Tresen – wie in England üblich – und fragte nach John. Wie sich herausstellte, wusste er schon, dass ich kommen würde. Seine Mutter, die Dame aus Fakenham, hatte ihn bereits angerufen, um ihm von meiner Ankunft zu erzählen. Ein perfekter Abschluss für einen gelungenen Tag – und das Beste: Ich hatte endlich wieder die Nordsee gesehen.
Bis morgen, Micha!
Cliffhanger
Morgen geht es weiter nach St. John's Fen End. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?