Kapitel 7 von 15: Schottland
50% der Gesamtreise
Tag 44 von 88
Die letzten Meilen auf schottischem Festland: Verregnet, aber mit Rückenwind
3 min Lesezeit
Etappen-Infobox
Datum: 14.05.2011
Tageskilometer: 83.37 km
Route: Bettyhill → John o'Groats
Fahrzeit: 5:17:33
Schnitt: 15.8 km/h
Gesamtstand: 3202.0 km
Wind-Fokus: Rücken- und Gegenwind bleiben die unsichtbaren Gegner dieser Tour.
Die Entscheidung, im B&B zu übernachten, war absolut richtig. Als ich aufwachte, regnete es, und so sollte es auch fast den ganzen Tag bleiben. Das Zelt bei diesem Wetter zusammenzulegen, wäre sicherlich keine Freude gewesen. Nach einem überaus ausgiebigen Frühstück und einer ordentlichen Verabschiedung drehten sich die Pedale wieder. Die alte Dame des B&B meinte, die Strecke würde flacher werden – aber hier in Schottland hat man offenbar eine andere Vorstellung von „flach“, wie sich noch herausstellen sollte.
Als ich losfuhr, war es nicht trocken, regnen tat es aber auch nicht. Die Landschaft bis Melvich hatte größtenteils nur eine Farbe: Braun. Felsen, Moos und Heidekraut dominierten das Gelände. Die Strecke verlief in einem ständigen Auf und Ab, mit Felsen auf der linken Seite, die die Sicht zur Küste versperrten, und rechts weiten, offenen Feldern. Es fühlte sich fast wie eine Fahrt über die karge Oberfläche eines fremden Planeten an. Gelegentlich ließen die Felsen zur Linken einen Blick auf das Meer zu, und spätestens nach den Abfahrten, die oft in einer Bucht endeten, lag das weite Meer in voller Pracht vor mir.
Bei Melvich begann es dann plötzlich richtig zu schütten. Ich hatte kaum Zeit, in die Regenkleidung zu schlüpfen – eine nasse Hose in die Regenhose zu bekommen, war alles andere als angenehm. Der Regen hielt an, und ich fuhr weiter durch diese raue, fast trostlose Umgebung. Doch auch hier gab es Überraschungen: Reay hatte einen Golfplatz – selbst hier oben im Norden Schottlands ist der Golfsport präsent.
Nach und nach wurde die Umgebung wieder grüner, der Regen ließ kurz nach und begann dann wieder. Doch trotz des schottischen Wetters und der nicht flachen Streckenführung lief es heute gut, denn der Wind schob mich kräftig voran. Aus der anderen Richtung kommend, wäre das sicherlich kein Zuckerschlecken gewesen. Mein Plan war, in Thurso eine längere Mittagspause einzulegen, und dort angekommen gönnte ich mir eine heiße Suppe in einem kleinen Café – nass und durchgefroren, eine wohlverdiente Stärkung.
Von Thurso aus eröffnete sich ein wunderbarer Blick auf die Dunnet Bay und das Kliff von Dunnet Head. Trotz des Regenwetters war dies ein echter Leckerbissen für die Augen. Der Weg führte mich über Castletown, wo ich in einer kleinen Ausstellung noch etwas über das Kliff erfuhr. Die letzten 20 km bis John o’Groats verliefen relativ flach, mit leichten Regenschauern und umgeben von grünen Wiesen, auf denen Schafe und Kühe grasten. In der Ferne konnte ich bereits die Orkney-Inseln ausmachen, die in Nebel gehüllt waren.
Die Aufregung stieg bei mir, je näher ich meinem Ziel kam. John o’Groats, der nördlichste Punkt des schottischen Festlands, rückte näher. Hier enden viele lange Radreisen, von Lands End bis John o’Groats, der südlichsten zur nördlichsten Spitze Englands. In John o’Groats angekommen, sah ich eine Gruppe Radfahrer, die sich umarmten und ihre 1000-Meilen-Tour feierten. Mich umarmte zwar niemand, aber ich bin auch noch nicht am Ende meiner Reise.
Ich entschied mich, die letzte Fähre nach Orkney nicht mehr zu nehmen, sondern am nächsten Morgen überzusetzen. Eine gute Entscheidung, denn so konnte ich mir noch ein gemütliches Hotelzimmer sichern. Die Nacht werde ich in einem warmen Bett verbringen, bevor ich morgen die letzte Etappe in Angriff nehme – mit Regen in Aussicht, aber das stört mich schon gar nicht mehr.
Bye Micha
Cliffhanger
Morgen geht es weiter nach Stromness. Schafft die Tour den naechsten Abschnitt ohne Rueckschlag?